Wahrscheinlich das letzte schöne Wochenende im Oktober und es spukte uns schon länger im Kopf herum. Tobias und ich sind das letzte Mal vor bestimmt zehn Jahre zusammen länger mit dem Rad unterwegs gewesen. Damals sind wir von Karlsruhe nach Freiburg geradelt, navigierten mit einem Autoatlas und ernährten uns - einmal angekommen - ausschließlich in der Feierling Brauerei.

Nun sollte es mal wieder so weit sein. Wir hatten uns den fünf Flüsse Radweg ausgesucht. Erstens liegt er - wenn man in Nürnberg startet - ziemlich im geographischen Mittelpunkt zwischen unseren jeweiligen Domizilen und zweitens ließ sich der Track mühelos im Netz finden. Keine Zeit für große Vorbereitungen. Ich schaffe es wenigstens noch endlich mal einen Gepäckträger ans Vaya zu schrauben, vergesse dafür aber das Kartenmaterial aufs GPS zu spielen, zumindest der Track kommt mit. Tobias tritt mit Achter im Vorderrad und nur einer Bremse an auf seinem Stadtradl an, da sich sein Rennrad mit Rahmenbruch verabschiedet hat.

Natürlich streiken am Samstag die Zugführer, also disponieren wir kurzfristig um, fahren Auto und treffen uns in Lauf am Bahnhof. Schade das Lauf scheinbar x verschiedene Bahnhöfe hat. Nach etwas hin und her finden wir uns auf dem Markplatz und machen uns auf den Weg.

Auf geht's!


Die Sonne strahlt vom Himmel und die ersten Kilometer fliegen nur so vorbei. Wir radeln mal neben, mal hintereinander, quatschen oder schweigen, halten kaum an, lassen es laufen. Die Wege führen uns an der Pegnitz und einigen kleinen Bachläufen entlang, mal über Radwege, mal über kaum befahrene Straßen, durch Fränkische Dörfer. Selten treffen wir auf anderer Radler oder Autoverkehr.

Multiselfie

Nachmittags einen Kaffee und weiter, wir haben es nicht eilig, aber es läuft fast wie von selbst. Gegen Abend, auf einem Bahntrassenradweg neben der Vils, finden über Google eine Pension in der Nähe. Der Laden stellt sich als Bäcker mit ein paar Fremdenzimmer heraus, der Wirt scheint auch etwas überrascht aber alles ist fein. Zimmersuche war selten so kurz.

Zum Essen müssen wir ein Dorf weiter, wo wir uns die fränkische Küche schmecken lassen. Im anderen Wirtstüberl ist die Musi. Der Reisebus vor der Tür lässt schlimmes vermuten. Irgendwann geht es dann auch kurz los mit Dicke Backen Musik, die wir im angrenzenden Wirtsraum abwettern. Alles halb so wild.

Am nächsten Morgen starten wir im Nebel. Es ist frisch aber die Atmosphäre passt zu den fränkischen Zauberwäldern. Die Beine sind noch etwas schwer. Gestern standen 80km auf der Uhr und so wirklich gewöhnt bin ich es nicht danach direkt wieder aufzustehen und weiter zu strampeln. Egal. Gegen Mittag ist der Muskelkater zwar nicht verschwunden, aber dafür ein alter Bekannter

Frühsport

Zum Mittagessen machen wir einen Abstecher nach Regensburg und sinieren wie viele Flüsse wir jetzt eigentlich gesehen haben. Zumindest mehr als fünf, immerhin können wir uns mindestens noch den Regen auf den Zettel schreiben.

Tobias brennt darauf das Kloster Weltenburg zu sehen. Ich bin ziemlich fertig, habe Respekt vor dem letzten Tag und mein Enthusiasmus hält sich in Grenzen. Aber was soll´s? Nur Radweg anstarren ist auch nicht Sinn der Übung. Gegen Abend schlagen wir uns also noch bis nach Weltenburg durch. Eine Karte haben wir nicht, der Radweg ist steil, geschottert und vom Regen aufgeweicht. Mit meinen Straßenreifen ist irgendwann schieben angesagt: Keine Traktion am Hinterrad.

Zum Schluss nehmen wir die Straße, zusammen mit Reisebussen und Autoverkehr und kommen letztendlich zehn Minuten vor der letzten Fähre zurück nach Kehlheim an. Naja, zumindest den Innenhof des Klosters sehen wir noch.

Die Fährfahrt entschädigt dann aber doch für einiges. Im Sonnenuntergang bringt uns das Boot zurück nach Kehlheim und nach meinem Votum entscheiden wir uns für eine Unterkunft in Spuckweite zum weißen Brauhaus, dem Herstellungsort von Schneider Weisse und allein schon daher eine gute Adresse für die abendliche Gemütlichkeit

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Sonntag Abends stellt sich Kelheim nicht als ein Zentrum Urbaner Feierkultur dar, es sind wieder ungefähr 100km geworden und so liegen wir schon um kurz nach neun in der Pofe. Das entspricht leider so gar nicht meinem üblichen Schlafrythmus. Also wache ich mitten in der Nacht auf, lausche dem Miauen des Muskelkaters und daddel zwei Stunden mit dem Handy, bis ich wieder schlafen kann.

Montags ist ab Mittags Regen angesagt, der auch kommt. Naja wenigstens ist es warm.

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Die Führung des Radweges erscheint uns teils etwas unlogisch, manchmal auch etwas lieblos. Auch der Main-Donau-Kanal, an dem entlang wir uns bewegen gibt landschaftlich weniger her als die Flüsse der letzten zwei Tage. Schön sind allerdings die Abstecher über ausgestorben wirkende Landstraßen durch leergefegte Dörfer. Irgendwie bin ich schon Städter, will hier nicht tot über'm Zaun hängen aber so, durchfahrenderweise, gefällt es mir doch verdammt gut.

Persönliches Highlight auf dem Main-Donau-Kanal ist für mich aber weniger die Landschaft, sondern die Schleuse bei Berching. Verdammt hoch das Ding!

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Ab Neumarkt beschließen wir den Radweg zu verlassen und uns bis Lauf einfach queer durch zu schlagen. Karte haben wir keine, dafür muss Google Maps herhalten. Was auch ganz gut funktioniert, so lange wir uns an größere Landstraßen halten. Der Verkehr ist aber recht dicht und irgendwann wird es mir zu nervig im Regen zwischen den Autos zu fahren. Eigentlich kann die App doch auch Fahrrad-Navigation?

Kann Sie auch, mit dem Renner wollte ich so etwas aber nicht fahren...

Wir radeln landschaftlich durchaus reizvoll durch triefend nasse Wälder über feinste Schotterwege queer durch die Pampa. Als Abenteuer nicht schlecht, aber die letzten zehn Kilometer fühlen sich an die wie längsten meines Lebens.

Hinter uns liegen drei Tage entspanntes Radfahren, eigentlich haben wir uns entlang des Radweges treiben lassen. Ich stelle fest: Man muss gar nicht weit weg, große Reisen unternehmen, ins Flugzeug steigen oder sich ienen Vulkan herab stürzen um einfach mal raus zu kommen. Das gibt es auch praktisch direkt vor der Haustür.