[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF5910 DIE SONNE GEHT AUF.
(HONGKONG, Ƒ7.1, 1/900, ISO 800)[/caption]

Die Fuji X100s kann eine frustrierende Kamera sein:

  • Wird es dunkel, macht der Autofokus Party und ich bin nicht eingeladen. Scharfe Bilder können dann zur Seltenheit werden.
  • Die Batterielaufzeit ist nicht nur ein ziemlich schlechter Witz, schlimmer noch: Die Anzeige des Batteriestands ist komplett nutzlos. Sie ist voll, direkt danach ist sie leer und alle 300 Bilder oder so steht man mit nacktem Hintern im Moskitoland.
  • Die Naheinstellgrenze des Objektivs liegt üblicherweise genau zehn Zentimeter vor dem Gesicht meines Portrait-Motivs. Bis ich den Makromodus eingestellt habe, hat das Motiv keine Lust mehr.
  • Die Kamera kennt kein 24 Stunden Zeitformat. Mal ernsthaft Fuji: Wir leben im 21. Jhd. Wie lange hätte es gedauert, das in die Firmware einzubauen? 5 Minuten?

Mein Urteil insgesamt: Eine fantastische Kamera! Warum? Lies weiter!

An dieser Stelle sind ein bis zwei Worte der Warnung angebracht: Ich bin weder ein guter Fotograf, noch besitze ich einen Funken Sachverstand. Ich fotografiere keine Backsteinwände um Verzerrungen zu sehen, erstelle keine Reihen Testbilder, vergleiche keine Kameras miteinander und habe noch kein Bild Pixel für Pixel angeschaut und auf Schärfe kontroliert. Bokeh halte ich für einen exotischen Kampfschrei eines Klans heute ausgestorbener Samurai.

Viel bessere Reviews als meines jemals sein wird, finden sich zum Beispiel bei Zack Arias, Luminous Landscapes, Ken Rockwell und vielen anderen.

Nun aber Butter bei die sprichwörtlichen Fische!

Die Fuji X100s ist eigentlich ein Kuriosum. Optischer Sucher, Festbrennweite, sieht aus wie ein Design aus den Hochzeiten der Messsucherkameras. Doch gerade das ist es, was mich auf Anhieb angesprochen hat. Ich bin der Überzeugung, das mit Abstand wichtigste an einer Kamera ist nicht das Objektiv, nicht der Sensor, nicht die Bildqualität - sowieso eines der Unwörter des Jahrzehnts - und erst recht nicht die leidige Frage ob Vollformat, Mittelformat, APS-C, Microfourthirds oder weiss der Teufel was.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]Good Company Good Company: Fuji X100s, Fuji GW690, Yashica Electro 35
(geschossen mit einem Nexus 4)[/caption]

Mich erinnert die Fuji an meinen Lieblingsbackstein: Die Yashica Electro 35, auch bekannt als the poor man's Leica. Die Anleihen an historische und aktuelle Messsucherkameras sind nicht nur gut um den Hipstermarkt aufzumischen, das Herz von Kamera-Geeks dazu zu bringen dickes Schweineblut mit Hochdruck durch koffeinverstopfte Adern zu drücken oder das Retrofaible irgendwelcher Marketingfuzzis zu befriedigen. Sie bringen einen entscheidenden Vorteil mit sich: Kaum nimmt man die Kamera in die Hand, schon liegen die Finger genau an den essentiellen Einstellungen.

Wen interessieren dabei Motivprogramme und irgendwelcher Firlefanz? Mein Motivprogramm arbeitet ohne die Notwendigkeit händischer Eingriffe, beschäftigt sich damit Motive zu finden und sitzt zwischen meinen Ohren. Meistens ist es kaputt, aber das ist ein anderes Thema.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]S0572638 Maria hinter Gittern
(Vasiliuskathedrale, Moskau. ƒ2.0, 1/400, ISO 6400, OOC)[/caption]

Ich brauche Belichtungszeit und Blende. Manchmal vielleicht noch Belichtungskorrektur oder den Umschalter zwischen manuellem und automatischen Fokus, zumindest wenn es mal wieder zu dunkel für den Autofokus ist. Empfindlichkeit ist fast schon wieder eine Non-Issue. Bis 3200 ISO sowas von problemlos, darüber rauscht es. Na und? Es rauscht schon seit dem die ersten Menschen vom Baum kamen und wenig später den ersten Film in die Leica legten. Rauschen macht kein Motiv kaputt. Wer will schmeißt Lightroom an und rechnet das Rauschen wieder raus, wer nicht will freut sich am Filmkornlook. Ich benutze die Fuji bis zu den maximalen ISO 6400 und fühle mich völlig schmerzlos dabei.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF5969 Weitwinkel adaptiert.
(The Peak, Hong Kong. ƒ2.0, 1/80, ISO 1250, angepasst in Lightroom)[/caption]

Wie kam ich eigentlich zur Fuji? Blödheit und eine Entscheidungsschwäche im Angesicht eines Luxusproblems.

Alles begann damit, dass ich wenige Wochen vor unserer Hochzeit und wenige Wochen plus einen Tag vor unserer Hochzeitsreise meine E-PL3 auf den Boden fallen lies und zerstörte. Im meinem Schrank lagen  also meine MFT-Objektive, blickten mich mit traurigen Augen an und sehnten sich nach einem neuen Body. Vielleicht habe ich einen Hang zur Projektion.

>Aktuell war die neue Olympus Pen E-P5. Schöne Linien, kompakter Body, sexy, sie hätte mir gefallen und so gab ich ohne viel Überlegung die Vorbestellung ab. Dummerweise erschien plötzlich die Panasonic GX7 auf der Bildfläche. Um eine langweilige und lange Geschichte langweilig und kurz zu machen: Ich konnte mich nicht entscheiden. Zwei konzeptionell fast gleiche Kameras, mit kleinen aber feinen Unterschieden, beide im Anflug und beide weder für Geld noch gute Worte sicher zu bekommen bevor ich mich in den Flieger nach Moskau setzen musste. Die Vorbestellung wurde wieder storniert.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF2567 WELCOME TO MOSCOW
(MOSKAU. ƒ5.6, 1/300, ISO 400)[/caption]

Ich entschied mich für den dritten Weg und kaufte mir die X100s. In Sachen MFT wollte ich lieber abwarten was die Zukunft bringt, in ein neues System jedoch ganz sicher nicht einsteigen. Immerhin war ich bis zum tragischen Tod der kleinen Pen sehr zufrieden mit MFT. Da kam mir eine komplette Kamera ohne Wechselobjektiv gerade recht. Okay, viel drüber nach gedacht hatte ich eigentlich nicht. Viele Reviews gelesen auch nicht. Aber mal eine X100-ohne-s in die Hand genommen. Sympathisch!

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF5924 Manchmal passt es einfach: Instinktiv geschossen, Kamera nicht am Auge. Leicht ausgerichtet und zu SW umgewandelt in Lightroom.
(Hongkong, ƒ2.0, , 1/90, ISO 400)[/caption]

Zudem: Ich hatte mir schon lange vorgenommen eine Reise nur mit einer einzigen Brennweite zu bestreiten.

Okay, einen Hang zum Masochismus habe ich wohl, doch nicht nur deswegen erscheinen mir Festbrennweiten wesentlich interessanter, als es Zoom-Objektive jemals sein könnten. Zooms honorierten meine Faulheit stets mit mittelmäßigen Bildern.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF5439 Was ist das?
(Beijing, China. ƒ5.6, 1/850, ISO 400, OOC)[/caption]

Eine Festbrennweite zwingt mich dazu, mich mit einem Motiv auseinander zu setzen. Ich produziere weniger Ausschuss als mit einem angeblich so flexiblem Zoom. Irgendwann hat man seine Brennweite verinnerlicht, kennt den Bildwinkel, kann instinktiv reagieren und weiß schon ob ein Motiv passt, ohne die Kamera zum Auge nehmen zu müssen.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF2896 Schöner Ausblick!
(Gorki Park, Moskau. ƒ6.4, 1/850, ISO 800, Auf fast die Hälfte zugeschnitten in Lightroom)[/caption]

Vier Wochen war ich mit der X100s unterwegs, von Moskau über Irkutsk, Ulan-Ude, Ulan Bator, Peking bis nach Hongkong. Alle Bilder meiner Reiseberichte - bis auf ein einziges - sind mit ihr entstanden, alle sind es JPGs direkt aus der Kamera. Einige wenige sind zugeschnitten.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt: Eine Kamera, eine Brennweite, eine Reise. Für mich war das genau der richtige Ansatz.

35mm vor einem Kleinbildfilm oder Sensor werden nicht ganz ohne Grund immer wieder als klassische Reportagebrennweite beschrieben. Ich bin zwar niemand der klassisch per se als positiv empfindet, kann aber gut nachvollziehen warum gerade dieser Bildwinkel eine der festen Größen für so ziemlich jedes Kamerasystem darstellt.

[caption id="" align="alignnone" width="534"]DSCF5849 Mailbox
(Central, Hong Kong. ƒ2.0, 1/80, ISO 400, angepasst in Lightroom)[/caption]

Von unten kratzt er an der Normalbrennweite, aber ohne die unerwünschten Nebenwirkungen kürzerer Weitwinkel. Man bekommt spürbar mehr von der Szene aufs Bild gebannt, als mit einem 50mm. Es herrscht aber noch keine große Knollennasengefahr, sollte man doch auf die Idee kommen ein Portrait zu schießen. Eine Brennweite wie gemacht für enge Straßen, dynamische Szenen vor der eigenen Nase oder eben Zugabteile.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF4845 Ulaan Baator's got style! Street mit der X100s
(Ulaan Baator, Mongolei. ƒ5.6, 1/680, ISO 200, OOC)[/caption]

Im Fall der Fuji bekommt man mit f2,0 sogar an und wann eine sahnige Portion Bokeh oben drauf. Dummerweise gehen bei Offenblende die schnellen Zeiten über 1/1000 nicht. Dafür gibt es einen eingebauten ND-Filter, den man auf den oberen Fn-Knopf legen kann. Keine Idealsituation aber für mich komplett zu verkraften. Sportfotografie ist sowieso nicht mein Metier und 1/4000sek bei f2,0 habe nie vermisst.

Sollte man es doch einmal weiter brauchen, gibt es immer noch die Panorama-Funktion. Mit etwas Übung lässt diese sich ziemlich problemlos bedienen und vermeidet sogar noch die Verzerrungen eines vergleichbaren Weitwinkels. Dafür produzierte sie in meiner Anwendung manchmal streifige Bilder und ich bin nicht sicher, woran es lag. Eventuell war auch nur ein aufgeschraubter Polfilter schuld.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF4335 Baikal-Panaroma.
(Listvyanka, Russland. ƒ5.6, 1/220, ISO 400, OOC)[/caption]

Meine persönliche Wiederentdeckung des Jahrhunderts ist im Übrigen der optische Sucher! Mal abgesehen von einem dezenten Robocop-Gefühl, das sich beim Anblick der diversen Einblendungen wie z.B. dem künstlichen Horizont einstellt, fühle ich mich eher in der Szene, denn als unbeteiligter Beobachter. Ja, es gibt eine Parallaxe, die manchmal bei der Komposition des Bildes stört und am Anfang ist man nie wirklich sicher, was tatsächlich auf den Sensor gebannt wird. Der Rahmen dient eigentlich eher zum Schätzen.

Das ist allerdings eine Frage der Gewöhnung des Fotografen.

Keine Frage der Gewöhnung des Fotografen ist es, wie die Fotografierten reagieren. Mir scheint der Draht vom Fotografen zum Fotografierten deutlich besser, als bei der Benutzung einer Kamera hinter der beide Augen verschwinden, am besten noch mit einem Kanonenrohr von Objektiv.  Ich bin am liebsten in der Szene, agiere mit den Protagonisten meiner Fotos. Der Fotograf als unbeteiligter, analytischer Beobachter, so sehe ich mich nicht.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF5501 Süßer Zucker, sahniges Bokeh, schöne Brille, geile Kamera
(Houhai, Beijing. ƒ2.0, 1/100, ISO 2000)[/caption]

Welche Art von schwarzer Magie für die Hauttöne der X100s zuständig ist, wird wahrscheinlich auf ewig ein Geheimnis von Fuji bleiben. Ich habe das Gefühl, sie haben mit der Kamera eine digitale Version des besten Filmes, den Fuji nie produzierte, geschaffen: Dem Kodak Portra. Mir zumindest ist noch keine Kamera untergekommen, die schon in den normalen JPGs Hauttöne so schön darstellt, wie die X100s. Außer natürlich eine analoge Kamera, bestückt mit dem Portra.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF2789 Blick in die Ferne: Andi im Kreml
(Moskau. ƒ5.6, 1/420, ISO 200, OOC)[/caption]

Für mich war die X100s als Reisekamera ein Griff in die Goldkiste. Sie ist klein genug um sie immer dabei zu haben, egal ob im Rucksack, in der Kameratasche oder einfach am Gurt umgehängt. Die Bildqualität ist über all meine Kritik erhaben, Menschen scheinen es zu lieben, von ihr fotografiert zu werden, das Auslösegeräusch verschwindet spurlos in normaler Umgebungslautstärke, die 35mm Brennweite ist goldrichtig für das Gewusel asiatischer Großstädte, es lassen sich unterwegs und fast aus dem Handgelenk beeindruckende Panoramen erstellen und mit problemlosen ISO 6400 und einer optisch unproblematischen Offenblende von f2.0 verlieren düstere Märkte, barocke Kirchen oder nächtliche Straßenschluchten ihren Schrecken. Zumindest ihren fotografischen Schrecken. Überfallen werden kann man immer noch. Dann wird der kleine Backstein aber wahrscheinlich für eine uralte Filmkamera gehalten werden. Uninteressant.

[caption id="" align="alignnone" width="800"]DSCF5591 Spuren des Tourismus
(Chinesische Mauer, Mutianyu. 1/180, ƒ5.6, ISO 200, SW in Lightroom)[/caption]

Das einzige, was ihr wirklich und bitterlich fehlt ist ein Geschwisterchen mit einem optisch genau so tollem 85mm f2.0!

Ein paar Bilder:

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