image
Local Time: Fast vier Uhr morgens

Es ist vier Uhr am Morgen und unser Zug steht in Krasnoyarst, das der Lonely Planet als "bustling" und "affluent" beschreibt. Die Anzeigetafel auf dem Bahnhof zeigt fast 23 Uhr Moskauer Zeit an und endlich hat mich die Zeitverschiebung erwischt.

Mir war es vor diesem Trip eigentlich nicht vorstellbar, was es bedeuten würde eine so lange Bahnreise zu unternehmen, dass wir nicht nur eine, sondern gleich fünf Zeitzonen in drei Tagen überqueren würden. Wir sind noch ungefähr 850km von unserem vorläufigen Ziel Irkutsk entfernt, das wir planmäßig in ungefähr 17 Stunden erreichen werden. Geschwindkeitsrekorde stehen nicht zu befürchten. Die Zug schwingt sich kaum einmal zu mehr als 100 Kilometern in der Stunde auf sondern bummelt meist mit gemächlichen 70 bis 80 km/h durch die sibirische Landschaft.

image
Der Autor genießt die Landschaft.

Es geht vorbei an teils komplett verfallen, teils frisch gestrichenen Bauernhäusern mit großen Gärten in denen wohl allerlei Gemüse und immer wieder Sonnenblumen wachsen. Es geht - wie es scheint - mitten durch Industrieanlagen in diversen Stadien des Verfalls und auch immer wieder durch Wälder. Man bekommt eine Ahnung von der Größe dieses Landes.

Ich bin müde und wenn ich müde bin, neige ich wohl zu Sentimentalität in meiner Schreibe. Daher belasse ich es bei der Feststellung, dass man wohl nicht in vielen Gegenden dieser Welt drei volle Tage lang relativ kontinuierlich mit diesem Tempo in eine Richtung fahren kann, ohne zumindest das Land zu verlassen.

image
Industrieanlagen am Wegesrand: Schnappschuss aus dem Fenster

Bis es gestern Abend dunkel wurde, hatte sich nicht mal die Landschaft groß verändert und ob die Morgendämmerung neues bringt muss sich noch zeigen.

Zugegebenermaßen, die Nadelwälder rund um Moskau wurden im Laufe des ersten Tages irgendwann und fast unmerklich durch Birken abgelöst. Die menschliche Besiedelung ist mal dichter, mal dünner. Der Blick aus dem Fenster unseres Abteils erinnert mich an den Blick in ein von friedlichen Fischen bevölkertes Aquarium: Ruhig, meditativ, größtenteils ohne Sensation aber sicher nicht ohne eine ganz eigene Faszination.

Fünf Stunden Zeitverschiebung seit Moskau. Die ersten zwei Tage haben wir gut überstanden, zunächst mit dem normalen Biorythmus, gestern mit einer Flasche Vodka und einer spontanen Zwei-Personen-Transsib-Party und nun liege ich hier. Links neben mir schläft Andi friedlich und ruhig. Rechts neben mir - getrennt durch die kaum schallisolierende Wand - schläft nicht so friedlich ein Mitreisender.

image
Spontane Transsib-Party am zweiten Abend.

Zuerst habe ich es für einen schleifenden Bremsklotz gehalten, doch mittlerweile muss ich konstatieren: Er schnarcht.

Was nicht der Grund dafür ist, das ich wach liege. Mittlerweile kann ich allerlei Störgeräusche ignorieren. Es sind wohl viel mehr die besagten fünf Stunden seit Moskau. Sein Schnarchen ist tief und vital, gekennzeichnet aber auch von einer gewissen Arythmie. Der Spannungsbogen bricht niemals ab. Ich liege hier und wundere mich: "Jetzt muss er doch!"

Und plötzlich! Da kommt es, das lange erwartete Geräusch des Ausatmens.

Gelegentlich kann ich seine Hände die Wand entlangfahren hören, als seien sie auf der Suche nach etwas. Dann bekommt sein Schnarchen etwas flehentliches, verlorenes. Was will er ertasten? Klingt aus dem nasalen Vibrato die Sehnsucht nach Geborgenheit? Mich erinnert er an ein Robbenbaby, verlassen von der Mutter einsam greinend an einem leeren, arktischen Ufer. Hilflos mit den Flossen die schwarzen Steine abtastend.

Wenn ich müde bin, neige ich zu Sentimentalität in meiner Schreibe.

Fünf Stunden Zeitverschiebung seit Moskau. Keine Ahnung wie breit eine Zeitzone ist. Am Äquator bestimmt breiter als hier oben. Am Nordpol kann man in fünf Minuten durch alle 24 tanzen. Hier oben wahrscheinlich immer noch ein ganz schönes Stück. Ein paar tausend Kilometer liegen hinter uns. Ein paar tausend noch vor uns.

Transsib erster Klasse: Was bedeutet das? Eines gleich vorweg: Es ist sicher nicht mehr das ganz große Abenteuer. Das 20 Jahrhundert ist vorbei und selbst da hatte Hardy Krüger schon mehr über seine Begleiterin, als über wilde Kosaken, Bärenangriffe und wochenlange Vodkagelage zu erzählen. Für die Russen scheint die mehrtägige Bahnreise in etwa die gleiche Fasznination auszuüben wie die ICE-Strecke Hamburg - München auf die meisten Deutschen. Fliegen geht doch viel schneller!

Für uns ist es wie eine Kreuzfahrt über Land. Unser kleines Abteil der ersten Klasse fühlt sich nach drei Nächten wie zu Hause an und wir haben das Gefühl auch einmal rund um den Erdball fahren zu können. Warum müssen wir noch einmal in Irkutsk aussteigen?

imageBegeisterung sieht anders aus: Andi beim ersten Besuch im Speisewagen

Der Speisewagen zeichnet sich durch kleine Portionen, hohe Preise und das Ambiente einer mittelmäßigen Bahnhofskneipe aus. Mehr als drei Leute gleichzeitig sehen wir dort nie, scheinbar sind wir auch die einzigen, die dort überhaupt essen. Die anwesenden Russen scheinen nur zu trinken. Das Rauchverbot wird von den Angestellten genauso stoisch ignoriert, wie die meisten unserer Versuche etwas zu trinken zu bestellen. Hauptsächlich ernähren wir uns im eigenen Abteil und von Dingen die man mit Wasser auf brühen kann. Jeder Wagen hat seinen eigenen Samowar und unserer ist immer bereit heißes Wasser auszugeben.

image
Dinner for two

Mit neuen Fertiggerichten versorgen wir uns bei Zwischenstops an den allgegenwärtigen Bahnhofskiosken. Gelegentlich gibt es auch russische Pizzateilchen, in Klarsichtfolie eingewickelte Fladen aus Hefeteig mit nicht unangenehm schmeckendem Belag, der tatsächlich vage an die italienische Küche erinnert. Ohne jedoch dem echten Ding nahe genug zu kommen, als das man irgendwelche Ansprüche stellen würde.

Ich könnte ewig in diesem Abteil sitzen, mir die immer gleiche Landschaft aus Bauerndörfchen aus Holzhäusern, rauchenden Industrieschloten kurz vor dem Einsturz, ewigen Birkenwäldern auf leicht hügeliger Landschaft und gelegentlichen Bahnhöfen durch das Fenster betrachten.

image
Mal wieder Shoppen gehen: Andi am Kiosk

Ernähren würde ich mich von einem nie abreißenden Strom an Pizzateilchen in Klarsichtfolie, frisch aufgebrühten Tütensuppen und schwarzem Tee. Irgendwann sehe ich aus wie Jabba the Hutt, habe Jodaähnliche Weisheit erlangt und werde zum neuen russischen Bahnheiligem ausgerufen. Vladimir Putin kommt vorbei, schüttelt mir die teigige Patsche-Hand und wir diskutieren die spezifische Weichenkonfiguration zwischen Moskau und Nizhni Novgorod.
image
Das Pizzateilchen: Anfang einer endlosen Kette?

Jeder Wagen hat seinen eigenen Providnik. Unsere Providznaya scheint uns gleich in ihr Herz geschlossen zu haben.

Zumindest seit in Moskau eine Portion Instant-Kartoffelbrei in meiner Reisetasche explodierte. Es war Minuten vor der Abfahrt und ich bekam von ihr - einer stämmigen Frau um die 50 mit einer Bahnuniform, die mich frappierend an die Polizei erinnerte - kategorisch verboten den Zug zu verlassen. Ich hatte also beide Hände voll mit Klamotten voller Instankartoffelbreipulver, die ich versuchte aus der offenen Tür hinaus auszuklopfen, ohne den ganzen Eingangsbereich zu versauen. Natürlich lag die Tür gegen den Wind und ich versaute den ganzen Eingangsbereich, begleitet von ihren Rufen: "Men!" oder auch "Tourist!"

image
Besuch beim Zwischenstop, im Hintergrund: Die Zugbegleiter

Die frisch ausgeklopften Klamotten nahm sie mir gleich ab und zum Schluss bekam ich ein akkurat gefalteten Stapel zurück, meine Unterhosen obenauf.

Kurz nachdem wir Fahrt aufgenommem hatten erschien sie abermals, erklärte uns den Ablauf, gab uns eine Schlüsselkarte für unser Abteil, zeigte uns die Klos und bot uns an - sollte uns großer Durst nach Bier oder Vodka überkommen - sich vertrauensvoll an sie zu wenden. Eine scheinbar unter Freunden durchaus übliche Vereinbarung von der man im Restaurantwagen nun wirklich nichts wissen müsse.

Nächster Auftritt, einige Minuten später, dieses Mal mit Kittel und Staubsauger, entfernt sie die Überreste der Kartoffelexplosion aus dem Teppich und bedenkt uns mit einem vertrauensvollen Zwinkern.

Am nächsten Tag unserer Reise wird sie uns wieder besuchen, dieses Mal mit diversen Transsib-Memorabilia im Arm. Einfach abzulehnen kommt uns gar nicht in den Sinn und so reist ab da an eine teure aber dafür auch ziemlich häßliche Matrioschka mit uns.

Ich kann nicht genug Gutes über unsere Providznaja sagen, rettet sie mich doch später noch aus einer weiteren unangenehmen Position als nur Kartoffelbrei in meinen Unterhosen zu haben oder vollkommen ohne Andenken unterwegs zu sein.

image
Satt sieht anders aus: Der Autor beim Besuch im Speisewagen

Ein zweiter Besuch im Speisewagen, zu dem ich Andi überredet habe. Vielleicht lässt sich doch etwas finden, das nicht direkt aus Klarsichtfolie kommt oder mit heißem Wasser aufgebrüht wurde. Wir essen kleine Portionen, mit mäßigem Geschmack. Wenigstens sind sie teuer.

Am Nebentisch ein Betrunkener, scheinbar ein recht netter Kerl, spricht aber kein Wort Englisch und wir kein Russisch. Wir versuchen uns trotzdem irgendwie zu verständigen, er fährt wohl aus irgendwelchen Arbeitsgründen mit dem Zug. Wir sind Touristen aus Deutschland, Russland sehr gut, alles super. Er schleppt noch zwei Büchsen Bier an, versucht scheinbar noch kurz etwas an der beeindruckend hochgeschnürten Bedienung zu graben, bevor er auf seinem Tisch ein schläft.

Irgendwann kommt sein Kumpel und die Stimmung wandelt sich, energische Diskussionen, anklagend gehobene Finger werden mit theatralischer Geste beseite geschlagen, abwechselnd geht einer, kommt wieder, mehr Diskussionen, es liegt Energie in der Luft. Wir verstehen zwar kein Wort, sehen die Entwicklung aber mit leichtem Unbehagen: War doch alles so schön friedlich hier...

Wir verputzen unser Essen und machen uns auf den Weg zurück in unser Abteil. Gerade angekommen, beschließe ich noch kurz zur Toilette zu gehen und siehe da: Direkt vor der Tür unseres Abteils steht der energetische Besoffene , aus dem Boden geschossen wie ein Giftpilz nach heftigem Regen,und versucht mir direkt irgend etwas auf englisch zu erklären. Ich ziehe die Tür vor dem Abteil zu und werfe Andi mit ruhiger Stimme zu am besten abzuschließen.

Von seinen wortreichen aber nicht durch umfangreiches Vokabular gekennzeichnetem Monolog verstehe ich nur, dass er irgendein Programm durchlaufen habe, dass wohl "very good" gewesen sei. Er nimmt meine Hand, schüttelt sie, legt den Arm um meine Schulter und kommt mir deutlich näher als ich das gemeinhin gerne habe. Er hat auch eine Dose Bier, die er mir mehrmals geben will. Ich vermute damit verbunden ist eine Einladung sie doch mit ihm zu leeren. Ich möchte diese Dose Bier nicht.

Der Kerl macht einen stämmigen Eindruck und legt mir immer wieder die Hand über die Schultern als wäre ich sein Eigentum. Er hört nicht auf mich an zu grabbeln, ist sowas von in meinem persönlichen Bereich, weiss wo ich wohne und will etwas von mir, das ich ihm nicht geben werde. Kein gutes Rezept für ein versöhnliches Auseinandergehen. Ich sehe den kommenden Streit in einer Wolke aus gekränkter Eitelkeit am Horizont aufziehen.

Doch wieder rettet mich unsere Zugbegleiterin. Ein paar eindringliche, russische Worte später, von denen ich nur "Restaurant" und "spricht kein russisch" verstehe hat er mich losgelassen und zieht wieder in die Richtung, aus der er gekommen ist.

Fünf Stunden Zeitverschiebung seit Moskau, das sind fast genau drei Tage in der Bahn. Unsere Tage gestalten sich erstaunlich kurzweilig. Wir leben auf vielleicht sechs Quadratmetern aus unseren Koffern. Das bedingt für eine gewisse Ordnung zu sorgen. Ab und zu räumen wir also auf. Die kurzen Zwischenstops dauern meist nicht mehr als fünfzehn Minuten bis eine halbe Stunde und werden von uns mit dem Aufstocken der Vorräte verbracht, gelegentlich schießen wir ein paar Bilder.

image
Gelegenheitsschnappschuss: Bahnarbeiterin in Novosibirsk"

An Kartenspielen kann ich nur Poker, was zu zweit mit gemeinsamer Reisekasse wenig Spaß macht. Andi zeigt mir Mau-Mau, also spielen wir Kniffel oder Mau-Mau und lassen die Landschaft an uns vorbei ziehen.

Man lebt wie ein Goldfisch im Glas. Die Temperatur bleibt immer gleich und die Fenster immer geschlossen, so das wir vor jedem Ausgang auf den Bahnsteig die Wartenden mustern: T-Shirts oder Jacke? Wir haben fast nie Hunger, können aber die ganze Zeit essen. Wir lesen, Andi häkelt und hört Hörbücher, ich schreibe. Während all dem zieht die Landschaft an den Fenstern vorbei.

image
Die Landschaft zieht vorbei: Andi genießt die Aussicht vom Gang aus

Das einzige Abenteuer stellt die morgendliche Hygiene dar. Duschen gibt es nicht und wir teilen uns zwei kleine Bäder mit den 36 anderen Fahrgästen im Wagon. Es gibt ein Waschbecken, einen Abfluss im Fußboden und wir haben jeder zwei kleine Handtücher bekommen, von denen wir eines zum Abtrocknen und das andere als Waschlappen benutzen. Im schwankenden Wagon gar nicht so einfach, aber machbar.

image
Eine von zwei Waschmöglichkeiten. Stöpsel bitte selbst mitbringen.

Fünf Stunden Zeitverschiebung seid Moskau und bald haben wir sie geschafft. Irkutsk und der Baikal liegen vor uns, wir müssen raus aus unserem behaglichen Goldfischglas.